Die kleinen, nahezu minimalistischen Bewegungen von Philippe Herreweghe harmonisierten überraschend präzise mit dem detaillierten und höchstmöglichen Maß an Klarheit, wie ihn der Chor und das Orchester vom Collegium Vocale Gent in dieser Aufführung zeigten. Johann Sebastian Bachs Die Johannespassion anzusehen. In der vollständig auf die kammermusikalische Intensität ausgerichteten Akustik des KronbergerCasals-Forums fanden diese ersten Aufführungen einer Bach-Passion im seit dreijahreigen Eröffnung dieses Hauses perfektes Umfeld statt.
Die jeweils viermal eingesetzteten Stimmen im Chor erzeugten dort einen volltönenden Klang, der trotzdem klar genug blieb, sodass kein Detail verborgen wurde – sei es die Abfolge von Achten und Sechzehnteln im Anfangschoral oder seine schmerzhafte Disharmonie. Vor allem jedoch wurden alle Worte perfekt geformuliert. Dies war für Herreweghe von entscheidender Bedeutung, weshalb sowohl das Gesangsbuch als auch die meist vom Chor kommenden Solostimmen immer sehr prägnant und deutlich articuliert waren.
Hervorragende Chorsolisten
In diesem hohen Maß an Offenheit konnten Momente intensiver persönlicher Teilnahme, gelegentlich plötzlich auftretend, ihre volle Ausprägung finden. So etwa bei dem Evangelisten Reinoud Van Mechelen, der von einem Reporter zu jemandem geworden ist, der selbst erfasst wird – oder auch beim Künstler Krešimir Stražanac, der die kurzen Aussprüche Jesu mit durchschlagender Intensität präsentierte. Natürlich spielten dabei auch die Chorstücke eine wichtige Rolle, und Herreweghe verlangte ihnen hin und wieder die beobachterische Kraft eines antiken dramatischen Chores ab.
Man könnte fast glauben, dass die Chörner auch das "Tun, Leiden, Lernen" aus der "Orestie" ebenso prägnant im vollen Haus dargestellt hätten. Diese Vorstellung wurde zusätzlich angetrieben durch die meisten strengen, aber trotzdem nicht eiligen Geschwindigkeiten, welche Herreweghe angab und bereits bei seiner Aufführung des Werkes im Jahr 2018 in der Alten Oper zu spüren waren. Oper Frankfurt Die Erinnerungen daran sind uns erhaltengeblieben. Für das Kronberger Konzert hatte er sich an der Urversion orientiert, welche Johann Sebastian Bach ursprünglich zur Aufführung in der Leipziger Nikolaikirche am Karfreitag im Jahr 1724 verfasste. Diese Fassung wurde vom niederländischen Musikwissenschaftler Pieter Dirksen rekonstruiert.
Die ausgezeichnete Qualität des Chores spiegelt sich klar wider durch die persönlichen Stärken seiner Teilnehmer, insbesondere betonte dies das außergewöhnliche Leistungsniveau der Solisten. Zum Beispiel zeigte Alex Potter im Duett "Es ist vollbracht" einen verführerischen Altgesang sowie die tiefgründigen und beweglichen Basspassagen von Johannes Kammler bei den Arien und Julian Millan als Petrus. Der Sopransängerin Grace Davidson fielen feinfühlige Ausdrucksmöglichkeiten auf, ohne dabei eine übertriebene Opernäheit annehmen zu müssen – sogar in dem Stück "Zerfließe, mein Herz", wo sie ein besonders ergreifendes und direkt ansprechendes Vortragen brachte. Dies galt auch für die gesamte Passionsaufführung unter derleitung von Dirigent Herreweghe aus Gent, welche letztlich viel Beifall erntete.
Sieberts Antrittskonzert
Es zeigte sich an diesem Abend im Rahmen der Frankfurter Kirchenmusikverein-Reihe in der Heiliggeistkirche deutlich, dass die Aufführung eines Werkes wie der Johannespassion durch ein professionelles Specialistenteam oder aber mit einem größeren Laienchor erhebliche Unterschiede macht. Insbesondere da hier ein Dirigent agierte, der eng mit der historischen Aufführungspraxis zusammenhängt und speziell Herreweghe als Assistent tätig war: Christoph Siebert, seit 2003 offizielles Chorleitungsteam von Collegium Vocale Gent, präsentierte somit sein Debütkonzert als neuern Leitungsbereich des Bachchors Mainz.
Der aus Köln stammende Dirigent, der eine Lehrstelle für Choranleitung an der Musikhochschule in Frankfurt innehat, erbte vom vorigen Leiter Ralf Otto eines der bekanntesten und klanglich herausragendsten Chöre der Gegend. Gerade als er seinen Posten antreten sollte, musste er sich jedoch aufgrund schwerwiegender Einschnitte im Haushalt der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau schnell darauf einstellen.
Musikalisch hat Siebert kein revolutionäres neues Terrain betreten. Das Bachorchester Mainz stellt ihr ein gut eingespieltes, mit dem Chor vertrautes und professionell besetztes Ensemble zur Seite, welches historische Instrumente unter Berücksichtigung der bekannten Kirchenakustik interpretiert. Dies fördert einen authentischen Klangsatz über einer soliden bassistischen Grundlage. Gleichzeitig musste jedoch auch diese Interpretation, die bereits für viele Barocksinfanzen überraschend klingt durch ihre hohe Anzahl an Soprano- und geringere Zahl an Tenoren im Verhältnis dazu sowie den raschen Ablauf gehalten werden – was selbst Siebert erhebliche Anstrengungen kostete. Ihre manchmal ausladenden Armenbewegungen spiegelten dies deutlich wider.
Eigene Ansätze und Qualitäten
Wie üblich trat der Bachchor sicher und ausbalanciert auf, während er die anspruchsvollen polyphonen Passagen meisterte. Die Turbae zeigten dabei angemessene Kraft. Man musste sich fragen, ob große Oratorienchöre stattdessen ihrer eigenen Entwicklung Raum geben sollten, anstatt immer nur den historischen Aufführungspraktiken treu zu bleiben. Dies illustriert besonders gut das bewegliche, zarte Abschlussstück "Wir setzen uns mit Tränen nieder". Ebenfalls faszinierend war die kontemplative Interpretation der Choräle im althergebrachten Stil, wie sie vom Dirigenten Siebert feinsinnig umgesetzt wurden.
Es entwickelte sich letztlich zu einer eher traditionsgebundenen, schützenswerten Herangehensweise, ähnlich dem Stil des Tenors Richard Resch, der seine Erzählung im evangelischen Sinne eher nüchternd darstellte. Christian Wagner präsentierte die Worte Jesu mit einer für die Johannes-Passion angemessenen Übermenschen-Intonation. Die zwei Solisten wechselten ihre Klangfarben um das unangenehm einschränkende Maß an Sparsamkeit auszugleichen, da sie auch die Arien übernehmen mussten. Sonja Grevenbrock interpretierte ihren Part mit einem schlanken, geschmeidigen Sopransound, während Larissa Botos mit ihrem tiefen Alt und Max Viellehner in seinen Rollen als Petrus und Pilatus angemessen dargestellt wurden. Auftritte dieser Art stellen eine Leistung und einen eigenständigen Wert dar, welche gewürdigt und gehalten werden sollten.